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Der LKW von rechts!

An einem sonnigen, warmen Augusttag 2014 fuhr Helena durch den Bayerischen Wald. Kleine Dörfer, sauber herausgeputzte Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten, kleine, alte Bauernhöfe, die meisten liebevoll saniert, Edeka, Metzgerei, Sparkasse und das Wirtshaus neben der Kirche hatten die meisten Orte vorzuweisen. Es war beschaulich und friedlich in dieser ländlichen Idylle und sie dachte: Hier kann man glücklich sein!

 

In Gedanken versunken fuhr Helena wie ferngesteuert auf der schmalen Straße durch grüne Wälder und schmucke Dörfer.  Das Navi meinte, es wäre der schnellste Weg ins Deggendorfer Krankenhaus. Sie hatte Angst vor diesem Termin, denn die Chefärztin würde heute alle Untersuchungsergebnisse mit ihr besprechen und sie würde erfahren, ob sie wieder Brustkrebs hatte. Helena hatte kein gutes Gefühl, es ging ihr schon seit längerer Zeit schlecht, körperlich und psychisch, obwohl es keinen offensichtlichen Grund dafür gab.

Sie hatte vor 16 Jahren schon einmal Brustkrebs und die Erinnerung daran kam im vollem Umfang zurück. Die Operation, die Strahlentherapie und monatelange Chemotherapie, mit Glatze und das volle Programm des schlechten Ergehens. Die Angst ihrer Kinder fühlen zu müssen, war für sie das Schlimmste. Sie zu trösten und zu beruhigen, obwohl sie selbst Trost und Verständnis so nötig gehabt hätte, war ein großer Kraftakt. Sie hatte wie immer ihre Bedürfnisse zurückgesteckt und sich als die Starke präsentiert, die alles im Griff hat, um es ihren Kindern leichter zu machen. Wie würde es jetzt sein?

 

Ein Schatten raste von rechts auf Helenas Auto zu. Sie trat reflexartig mit all ihrer Kraft in die Bremse. Das Auto kam mitten auf der Straße zum Stehen. Eine ohrenbetäubende Hupe ertönte und ein Sattelschlepper donnerte mit hoher Geschwindigkeit vor ihrem Auto vorbei. Es fehlten keine 10 cm und das Monster hätte sie erwischt. Helena war wie gelähmt, ihr Herzschlag dröhnte bis in ihren Kopf und sie war unfähig sich zu bewegen. Um sie herum war Stille, kein Auto, keine Menschen, ihr wurde langsam klar, dass sie schräg mitten auf einer Hauptstraße stand. Helena zwang sich das Auto zu starten und sie fuhr die Straße gerade aus, um dann am Straßenrand zu halten.

 

Mein Gott, was war das? Warum war das jetzt passiert und warum kam es nicht zum Unfall?  Wenn Helena 1 Sekunde schneller gewesen wäre, hätte sie den Crash nicht überlebt. Sie verstand es nicht, warum durfte sie nicht hier schnell sterben? Wenn sie die Krebsdiagnose bekam, war es keineswegs sicher, dass sie all die Qualen der verschiedenen Therapien überlebte und wieder gesund wurde. Musste sie wirklich diesen Weg noch einmal durchleiden? Warum?

 

Als das Zittern nachgelassen und Helena sich beruhigt hatte, fuhr sie weiter zu ihrem Termin im Krankenhaus. 

 

Letizia Raufenstein

August 2014

 

 

 

 

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