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Wird dieser Schmerz je vergehen?

Heute ist Kathis Geburtstag, meine Enkeltochter wäre heute 17 Jahre alt geworden, wenn nicht dieses furchtbare Unglück geschehen wäre.

Es war im Juli vor 3 Jahren, ich lag schlafend im Bett, als mein Mann mich wachrüttelte. Ich fragte „was ist denn los, warum weckst Du mich?“ „Du musst sofort aufstehen, es ist was passiert, Du musst sofort rüber gehen zur Maria!“ Warum denn nur, es war mitten in der Nacht, was war denn los? Im Schlafanzug ging ich über den Hausflur in die Wohnung meiner Tochter, sie kam mir entgegen, laut weinend, fast schreiend und rief „Mama mein Kind ist tot, Kathi ist tot!“  Ich war noch ganz benommen vom Schlaf, „Was, wieso, das kann nicht sein“ Mir wurde schlecht und meine Knie begannen zu zittern, ich musste mich aus Sofa setzen. „Ja glaubst Du denn, das nachts um eins die Polizei vor meiner Tür steht und erzählt Märchen?“ Maria war völlig aufgelöst, sie lief hin und her und schrie und weinte und ich war erstarrt. Mein Hirn hatte ausgesetzt. Diese Nachricht ging nicht in meinen Kopf hinein, mein Herz hatte dicht gemacht und meine Seele auch. Ich versuchte meine Tochter zu trösten und in den Arm zu nehmen, aber sie lief in die Küche und schrie vor Schmerzen und Leid. Ich hörte mich immer wieder sagen, „das kann nicht sein, nicht Kathi, das kann nicht sein, es ist unmöglich“. Ich konnte nicht weinen.

Der Mann meiner Tochter saß in der Küche, stumm, rauchte und trank Kaffee. Er war nicht der Vater von Kathi, aber er mochte sie gerne. Mein Mann stand stumm da, auch er wusste nicht was er sagen sollte, in so einer Situation fällt einem nichts mehr ein.

Mir war kalt, ich zitterte und nahm mir eine Decke, ich hatte mich aufs Sofa gelegt. Nach einer gefühlten Ewigkeit frage ich „Was ist denn passiert?“ Meine Tochter schrie auf und hatte einen Weinkrampf, sie konnte nicht mehr aufhören. Ihr Mann sagte „Es war ein Verkehrsunfall mit einem LKW!“ Ich erstarrte, wollte mir das nicht vorstellen, das war zu grausam, die Bilder die jetzt in meinem Kopf auftauchten waren nicht zu ertragen, ich schob sie weg. Nein, nein, nein, nicht so was, auf keinen Fall.

Meine wunderschöne Kathi, mit ihren langen, dunkelbraunen, lockigen Haaren, ihrem wunderschönen Gesicht, mit den ausdrucksvollen, blauen Augen, war doch erst 14 Jahre alt. Sie war gerade dabei, eine tolle junge Frau zu werden, die sich ins Erwachsenenleben hinauswagt.

Sie war hoch intelligent, hat mir schon mit 6 Jahren erklärt was eine USB-Schnittstelle ist. Da war sie noch ein kleines, zierliches Mädchen mit dunklem Lockenkopf, so unglaublich süß, dass ich sie dauernd hätte ab schmusen können.

 

Ich war bei Ihrer Geburt dabei. Sie war ein Frühchen und kam in der 32. Woche auf die Welt. Sie hatte es so eilig das Licht der Welt zu erblicken, dass sie nicht bis zum normalen Geburtstermin warten wollte. Sie wurde normal geboren und wog gerade mal 1200 Gramm. Sie war das erste Frühchen das ich sah. Sie war so unglaublich klein und zierlich, mit dünnen Ärmchen und Beinchen, aber sie schrie gleich und das freute uns alle sehr. Sie kam nach der Untersuchung in den Inkubator, wurde verkabelt und bekam Atemunterstützung. Meine Tochter kümmerte sich fabelhaft um die Kleine. Obwohl es auch für sie eine große Belastung war, meisterte die Situation prima. Da sie der Kleinen nicht die Brust geben konnte, pumpte sie die Muttermilch ab, die dann portioniert und gekühlt wurde. Dann bekam die kleine Maus das Fläschchen und sie gedieht prächtig. Meine Tochter durfte nach ein paar Tagen nach Hause und wurde entlassen. Da die Kleine noch einige Wochen auf der Frühchen Station bleiben musste, fuhr sie täglich ins Krankenhaus, um sie zu versorgen. Auch der Papa von Kathi kümmerte sich intensiv um seine kleine Tochter und so durfte sie dann, als sie ein Gewicht von 2500 Gramm erreicht hatte, nach Hause.

Kathi war das schönste Baby das ich je gesehen habe, sie war so klein und zierlich und hatte ein so unglaublich schönes Gesicht, so das ich immer in Verzückung geriet, wenn ich sie sah.  Sie entwickelte sich prima, fing früh an zu laufen und zu sprechen, sie war ganz einfach ein Sonnenschein.

Dieses Kind hat mich immer fasziniert, sie war klein und zierlich, hatte aber eine unglaublich große Präsenz, ihre Ausdrucksweise, ihr Wortschatz waren toll. Sie las als Schulanfängerin schon dicke Bücher mit großer Leidenschaft, sie war neugierig in vielen Bereichen. Kathi flog alleine auf die Seychellen um dort eine Freundin zu besuchen, da war sie 12 Jahre alt. Sie war eine Abenteurerin und unglaublich mutig und selbstbewusst. Sie hatte vor, nach dem Gymnasium ein Jahr nach Amerika zu gehen und dann zu studieren. Das hätte sie alles durch gezogen und zwar mit Bravour. Vor ein paar Wochen hatte sie mit dem Fallschirm springen angefangen, ich habe das Video gesehen von ihr im Tandem Sprung und ich war überwältigt.

 

Oh Gott, meine Kathi.

 

Ich konnte meiner Tochter nicht helfen, ich wusste nicht was ich tun sollte, ich konnte auch nicht weinen. Irgendwann sagte mein Mann, „komm lass uns rüber gehen“, ich ließ mich in unsere Wohnung ziehen und legte mich aufs Sofa und machte den Fernseher an. Vom Programm bekam ich nichts mit, dann fielen mir die Augen zu und ich ging ins Bett, ich schlief nach einer Weile ein und hatte einen Alptraum nach dem anderen, es war eine schlimme Nacht.

Der nächste Tag war furchtbar, war es wirklich so das meine Enkeltochter tot war oder war es ein Alptraum, bitte lieber Gott, lass es ein Alptraum sein!

Meine Tochter hatte irgendwann Schlaftabletten genommen und lag noch im Bett. Ihr Mann saß in der Küche und erzählte mir, wie das Unglück geschehen war, es war ein Unfall, unfassbar und grausam, sie war zur falschen Zeit am falschen Ort, ich konnte es nicht glauben.

Später kam der Pfarrer um meiner Tochter Trost zu spenden und mit ihr zureden und ihren Schmerz zu teilen. Gegen Abend kam der Bestatter, meine Tochter führte die Gespräche und besprach die Details wegen der Bestattung, es fiel ihr furchtbar schwer. In den folgenden Tagen fuhren wir zu einer Steinmetz Firma um einen Grabstein zu kaufen. Wir wickelten diese notwendigen Formalitäten ab, um Fassung bemüht. Ich hatte das Gefühl mich in einer fremden Realität zu befinden, so als würde es andere Menschen betreffen, was hier geschah. Meine Tochter suchte einen weißen Grabstein aus Marmor aus, der eine schöne graue Marmorierung hatte und ein Relief von Maria mit dem Kind. Eine Schrift wurde ausgesucht und der Text, der auf den Grabstein gemeißelt werden sollte.

Nach einigen Tagen fand die Trauerfeier für Kathi in der kleinen Kirche des Waldfriedhofs statt. Die Familien der Eltern, Großeltern und Geschwister hatten sich versammelt und viele junge Menschen aus ihrer Schule, Schulfreunde und Freundinnen waren da. Die Kirche war sehr schön geschmückt, mit Blumen, Gestecken und Kränzen. Ein großes Transparent, das von ihren Freunden gestaltet worden war, mit Fotos, Sprüchen und Malereien lag auf dem Boden. Darauf standen Kerzen und Blumen. Mehrere Fotos von Kathi waren aufgestellt. Ich bekam einen Stich ins Herz als ich sie sah, sie war so schön und vertraut. Die Sonnenstrahlen schienen durch die Bäume in die Kirche und fielen auf die Fotos von Kathi. Es sah aus, als würde sich ihr Gesicht bewegen und sie lächeln.

Kathis Vater stand auf und erzählte von seiner Tochter. Dass sie ein ganz besonderer Mensch war und immer ihren eigenen Weg gehen wollte, unabhängig von den Anderen. Sie sei mutig und selbstbewusst, sehr sozial und liebenswert gewesen. Er würde sie immer in ihrem Herzen tragen. Eine Pfarrerin sprach und erzählte von Kathi und ihrem so kurzen Leben. Ihre Lieblingsmusik wurde gespielt, es war alles so liebevoll und schön und ich war zutiefst traurig.

Am Ende der Trauerfeier bekamen alle einen Luftballon an einer Schnur. Wir versammelten uns draußen und ließen gemeinsam die Luftballons steigen, mit guten Wünschen und einer Nachricht an Kathi, die vielleicht jetzt da war, wo die Ballons hin flogen, nämlich in den strahlend blauen bayerischen Himmel.

 

Das Begräbnis fand eine Woche später statt. Wir gingen in unsere prunkvolle Kirche, nachdem die Glocken geläutet hatten. Jeder Trauernde bekam beim Betreten der Kirche einen weißen Stein, den durfte jeder beschriften mit liebevollen Wünschen und später auf das Grab legen. Vor dem Altar stand inmitten von Blumen die Urne und zwei große Fotos von Kathi. Alles war sehr liebevoll arrangiert. Es folgte ein Gottesdienst und der Pfarrer hielt seine Predigt. Er sprach über Kathi und ihr kurzes Leben und spendete allen Familienmitgliedern und Freunden Trost. Meine Tochter und ihr Mann hatten eine CD aufgenommen mit wunderschönen Liedern, die abgespielt wurde. Die Stimmung war ergreifend, aber ich konnte nicht weinen.

Nach dem Gottesdienst gingen alle Trauernden in einer Prozession durch das Dorf zum Friedhof. Meine Tochter trug die Urne meiner Enkeltochter, mein Herz krampfte sich zusammen und der Schmerz und die Trauer meiner Tochter waren für mich nicht auszuhalten. Das Grab war vorbereitet, der weiße Marmor Grabstein aufgestellt und Blumen Gestecke und Kränze lagen verteilt auf dem Grab. Meine Tochter ließ mit Hilfe des Pfarrers die Urne ins Grab hinab und weinte. So etwas tun zu müssen ist wohl das Grausamste was einer Mutter passieren kann. Ihr Kind das sie geboren hat, beschützt, versorgt und über alles geliebt hat, zu Grabe tragen zu müssen, verursacht Schmerzen die wohl nie vergehen.

 

Drei Wochen später rief meine Cousine bei mir an, wir haben ein sehr vertrautes Verhältnis zu einander seit Jahrzehnten. Sie merkte sofort das es mir schlecht ging und fragte „Was ist los mit Dir, was ist passiert“? Dann brach ich zusammen, die Blockade löste sich auf und ich fing an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Ich erzählte ihr alles und weinte und redete, war wütend und konnte nicht verstehen warum wir ein solches Unglück erfahren mussten. Ich fühlte mich so hilflos und wusste nicht, was ich machen sollte und wie ich mit diesem Schicksalsschlag umgehen sollte. Sie tröstete mich und so langsam wurde mir leichter.

 

Wenn ich auf meinem Balkon stehe, kann ich auf den Friedhof schauen und sehe in der ersten Reihe das Grab meines Sternen-Enkelkindes, jeden Tag. Manchmal gehe ich an ihr Grab und rede mit ihr, zupfe ein bisschen Unkraut oder setzt eine Rose in die Grab Erde. Trauer und Schmerz sind noch immer da. Ich konnte monatelang kein Foto von ihr anschauen, weil es zu sehr schmerzte. Jetzt habe ich ein wunderschönes Foto von Kathi in meinem Wohnzimmer hängen, auf dem sie mich aus ihren blauen Augen direkt anschaut.

Letizia Raufenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

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