Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Herzlich willkommen und viel Spass bei lesen

Nero und der Pilot 

Nero, unser schwarzer Schäferhund, ist ein richtiges Schmuse- und Kuscheltier. Er ist lieb zu allen Zeibeinern und würde nie einem Menschenkind etwas antun. Aber er hatte auch eine andere Seite.

Er freute sich immer über das offene Gartentor, denn dann konnte er raus rennen, wenn einer der Nachbarn mit seinem Hund Gassi ging und mit den anderen Hunden Streit anfangen. Ein altes Ehepaar, das schräg gegenüber wohnte, traute sich deshalb nur mit einem langen Stock auf die Straße, denn sie hatten Angst um ihren kleinen Dackel, zu Recht.

Ein anderer Nachbar, Pilot im Ruhestand, hatte eine kleinen, weißen Westi, der sehr süß aussah und bestimmt auch lieb war, aber auch ein fürchterlichen Kläffer. Auf den hatte es Nero besonders abgesehen.

Einmal, als das Tor offen war und der Pilot mit Westi vorbeikam, schoss Nero auf die Straße und rannte zu seinem kleinen weißen Feind. Dem Herrchen gelang es gerade noch seinen Liebling über den Kopf hoch zu heben um ihn vor dem bösen Schäferhund zu retten. Allerdings flog er bei dieser Aktion in die Hecke des Nachbarn. Als ich das Gebell und Geschrei hörte, rannte ich auf die Straße, um Nero einzufangen. Das war nicht schwierig, denn er war so damit beschäftigt an dem Pilot hoch zu springen, das er nicht weg lief und ich ihn am Halsband wegziehen konnte. Dazu musste ich allerdings meine ganze Kraft einsetzen, denn wer Schäferhunde kennt, weiß welche Kraft sie haben. Ich entschuldigte mich für das schlechte Benehmen meines Hundes und zog ihn in den Garten. Wutschnaubend gingen Herrchen und Westi nach Hause. Ein paar Stunden später klingelte der Westi Besitzer und teilte mir mit, dass seine schicke, teure Lederjacke ein Loch habe und er mir die Rechnung bringen würde. Das war kein Problem für mich, die Hundehaftpflicht Versicherung würde den Schaden übernehmen, konnte ich ihn beruhigen.


Aber mir waren solche Vorfälle sehr unangenehm. Ich lebte immer in der Angst, das wieder was passieren könnte und bat Carl, meinen Mann,  jedes Mal wieder, auf das Gartentor zu achten und es unbedingt zu schließen, aber leider vergeblich. Mir war nicht klar, war das Absicht, Rücksichtslosigkeit oder war er einfach nur so verplant das er es nicht merkte. Wenn ich ihn darauf ansprach, kam bestenfalls die Aussage „Habe ich nicht drauf geachtet“.

 

Bei einem weiteren Vorfall mit dem Westi war ich mit Nero  mit dem Fahrrad unterwegs. Ich fuhr und hatte Nero an der Leine, das funktionierte prima und Nero lief aufmerksam neben mir. Die Nachbarin – die Frau des Piloten – öffnete die Haustüre in dem Moment als wir vor ihrem Haus waren und zwischen ihren Beinen rannte der laut kläffende Westi raus auf die Straße, in unsere Richtung. Ich sah die Katastrophe kommen, sprang von meinem Rad, das hielt ich mit einer Hand am Lenker fest. Meinen Hund hielt ich mit der anderen Hand ganz fest an der Leine, denn mir war klar was jetzt kommen würde. Der todesmutige Westi sprang, immer noch bellend, meinem Hund ins Maul. Die Frau in der Haustüre schrie, ihr Mann rannte mit nacktem Oberkörper und ohne Schuhe aus dem Haus zum Unglücksort. Ich lag mittlerweile auf dem Fahrrad und hielt mit beiden Händen meinen Nero fest, der an der Leine zerrte. Der Westi jaulte und quietschte in Todesangst, denn er war gefangen im Schäferhundemaul. Der Pilot a.D. warf sich auf meinen Hund und schlug auf ihn ein. Er schrie dabei laut und versuchte seinen Westi aus dem Hundemaul zu befreien. Nach einer gefühlten Ewigkeit machte Nero sein Maul auf, der Westi fiel auf seine Pfoten und rannte laut heulend an seinem Frauchen vorbei ins Haus.
Der Pilot war völlig fertig, schnaufte und schrie mich an, dass es für mich noch Folgen haben würde. Ich befreite mich von meinem Fahrrad und stand endlich wieder und man kann es kaum glauben, ich hatte die Hundeleine noch immer in der Hand. Mein Hund saß neben mir, als wäre nichts gewesen. Ich hätte jetzt eigentlich eine Entschuldigung vom Piloten erwartet, denn er hatte ja seinen Hund raus gelassen und der war auf meinen Schäferhund losgegangen. Das sagte ich ihm auch, aber der war so fertig, dass er nur noch abwinkte.

Nach ein paar Tagen erkundigte ich mich nach dem Befinden des Westi und erfuhr, dass die Tierarzt Rechnung doch erheblich war. Der kleine Kläffer hatte ein paar Löcher in seinem weißen Fell, aber sonst ging es ihm gut. Der Pilot hatte wohl auch eingesehen, dass ich an diesem Hundecrash unschuldig war, äußerte sich aber nicht weiter zu dem Vorfall.

 

Letizia Raufenstein

1998